Essbarer, giftiger Glitzer.
Polyamorie, Borderline und andere Ärgernisse.

Ich bin Fluff. Ich lebe seit fünf Jahren polyamor und die meisten Beziehungen hielten entweder sehr kurz oder sehr lange. „Lange“ meint in diesem Kontext, dass keine der langfristigen Beziehungen kürzer als ein Jahr andauerte, die längste Beziehung hielt dreieinhalb Jahre und endete diesen März. Aber auch da blieb keine verbrannte Erde zurück, wir reden noch miteinander, tauschen uns über politische Arbeit aus und pflegen freundschaftlichen Kontakt.

Warum das alles eine Betonung wert ist? Ich habe Borderline. Also, streng genommen habe ich eine gemischte Persönlichkeitsstörung (F61) aus histrionischer PKS (F60.4) und Borderline (F60.3), PTBS (F43.1) und rezidivierende Depression (F33.1). Um das zu veranschaulichen, habe ich die jeweilige Diagnosennummer aus dem ICD-10 vermerkt, dem Buch, in welchem so ziemlich alle Diagnosen vermerkt sind, die medizinische Personen stellen können. Von der Erkältung bis zur Soziopathie, alles dabei. (Warum das grundsätzlich problematisch ist und Diagnostik durchaus auch als Machtinstrument eingesetzt wird, um Repressionen durchzusetzen und warum das gesamte Konstrukt ableistisch as fuck ist, werde ich auch noch ausführlich behandeln, dafür ist die Psychiatriekritik ja eigentlich da. Aber nehmen wir die Diagnostik einfach mal als gegeben hin.)

Kurz zusammengefasst heißt diese hübsche Sammlung an Diagnosen, dass ich eigentlich Schwierigkeiten haben müsste, auch nur eine Beziehung aufrechterhalten zu können, geschweige denn mehrere gleichzeitig.
Ich bin eifersüchtig, ängstlich und manchmal sehr anhänglich. Gleichzeitig aber rücksichtslos und egoistisch, wenn es mir um meine Bedürfnisse geht und manipulativ auf dem Weg, sie zu erreichen. Das klingt jetzt in der Sammlung ziemlich furchtbar, ist es aber nicht. Versprochen.
(Wirklich verstehen können es nur andere Betroffene und für die schreibe ich das hier ja eigentlich. Und die wissen auch, wie sich all diese Faktoren anfühlen.)

Fangen wir mit der Eifersucht an. Eifersucht heißt erst einmal nur, dass meine Verlustängste getriggert werden und ich Angst habe, dass mich eine geliebte Person verlässt. Das ist in monogamen Beziehungen tatsächlich schlimmer gewesen als in polyamen Kontexten, aufgrund der Tatsache, dass hier die Person gleichzeitig eine andere Person lieben kann, OHNE MICH VERLASSEN ZU MÜSSEN. Eindeutiger Vorteil. Darüber hinaus ist jede Person, die trotz der Möglichkeit, jede Person dieser Welt lieben zu können, bei mir bleibt, ein eindeutiger Beweis dafür, dass ich nicht so schlimm sein kann, wie mir die Krankheiten gerne einreden. Wie mir die Diagnostik theoretisch sogar beweist.

Es ist nicht schön für mich, wenn meine Menschen neue Menschen haben und jede Veränderung im Gefüge des Polyküls zieht erst einmal Wellen nach sich. Wie ein Erdbeben, welches über das Polykül hereinbricht. Dann wird geguckt, was sich jetzt in der Topographie des Polyküls verändert hat und was gleich geblieben ist. Meistens ist sehr viel gleich geblieben, obwohl es kräftig geruckelt hat. Nach einer gewissen Zeit hat dann selbst meine Psyche gemerkt, dass die Veränderungen nie so gravierend waren, wie sie anfänglich schienen. Das lässt zukünftige Veränderungen mit ein wenig mehr Gelassenheit betrachten. (Solange sie nicht eintreffen. Nur, weil ich rational etwas weiß, heißt das nicht, dass die Emotionen mitspielen. Die haben da ihr eigenes Ding am Laufen. Aber auch da hilft: Zähne zusammenbeißen und abwarten, bis die Ruckelei vorbei ist.)

Das ist auch ein wichtiger Punkt: Ich kenne mich und meine Krankheiten mittlerweile ziemlich gut. Ich weiß oft, wann sich eine neue depressive Episode ankündigt und welches Verhalten, welche Bedürfnisse irrational (sprich Borderline) sind. Das macht die Gefühle nicht weniger intensiv, aber es hilft, diese Phasen einfach durchzustehen. Wie eben das Erdbeben. Irgendwann hört es auf zu ruckeln und ich kann mir die Trümmer zusammensammeln. Deshalb sind auch meine Beziehungen – sprich die Gebäude in dieser Metapher – auf Erdbeben ausgelegt. Das ist wichtig, denn wo ein massives Haus zusammenbrechen würde, kann eine flexibel gebaute Holzhütte mitschwingen und hinterher noch stehen. Trotzdem gibt es ab und zu zusammengestürzte Häuser und gerade Beziehungen, die noch nicht so gefestigt sind, fallen dem eher zum Opfer. Deshalb halten sie entweder sehr kurz – oder sehr lange.

Das ist eine Erkenntnis, die viel Zeit und Mühe mit sich brachte (auch, weil viele Therapien mir exakt das Gegenteil versucht haben einzubläuen): Ich kann nicht gegen die Krankheiten kämpfen. Sie sind in meinem Kopf, sie sind teilweise Ich. Mein Charakter, mein Wesen ist mit ihnen verschmolzen, aufgrund der Tatsache, dass diese Krankheiten nichts anderes sind als die Beschreibung von Charakteren, die so weit vom Spektrum der Normalität abweichen, dass sie einer Pathologisierung bedürfen. Ich habe also angefangen, mein Leben und die Krankheiten aneinander anzupassen.

Das ist nicht ganz einfach, da es für polyame Beziehungen – im Gegensatz zu monogamen – kein Bedienungshandbuch gibt. Meine Form ist eine „Das wird sich schon irgendwie geben“ und es gibt keine festgelegten Regeln. Schon alleine deshalb, weil mich feste Regeln dazu verleiten, diese zu brechen. Um zu gucken, ob die andere Person das mitmacht. Um Grenzen zu testen. Meine, die der anderen Person(en) und unsere gemeinsamen. (Jup, das ist typisch Borderline.) Denn ein „Ich verletze Grenzen und werde hinterher noch geliebt“ ist ein Beweis für „wahre“ Liebe. Das Problem: Diese Beweise müssen immer wieder erbracht werden, also immer mehr Grenzen verletzt werden. Und das möchte ich nicht und das möchte ich keiner anderen Person antun. Deshalb funktioniert für mich das Fehlen sämtlicher „Du darfst xy in der Beziehung (nicht) tun“- Regeln am besten.

Ich bin kein monogamer Mensch und verletze Personen in monogamen Beziehungen? Gut, dann lebe ich nicht mehr monogam und kommuniziere offen, wie ich mir mein Sex- und Beziehungsleben vorstelle.
Ich brauche an schlimmen Tagen viel Sicherheit und unendlich viel Zuneigung, die nie gestillt werden kann, weil da einfach etwas in der Tiefe fehlt? Kommunikation mit Partner_innen oder alleine durchbeißen, um mir zu beweisen, dass ich mich eben nicht abhängig machen WILL. Nicht, weil mir die Möglichkeiten fehlen, sondern weil ich mich bewusst dagegen entscheide.
Ich bin unglaublich unsicher und komme mit meiner Angst nicht klar? Kommunikation und Offenlegung, dass da etwas nicht cool läuft.

Es läuft schlussendlich alles auf Kommunikation hinaus. Kommunikation und die Selbsterkenntnis, welchen Emotionen jetzt nachgegeben werden sollte und welchen nicht. Welche Ängste beruhigt werden können und durch welche Täler ich lieber alleine laufe. Das funktioniert alles, wenn ich rational einen Beitrag schreibe und nicht gerade in einer „Ich bin die einsamste Person der Welt, niemensch liebt mich und ich kann nicht um Hilfe rufen, weil ich ohnehin alle nur nerve“-Stimmung stecke. (Deshalb schreibe ich in solchen Stimmungen keine Beiträge. Es wäre verletzend, unfair und ich würde mich hinterher fragen, was ich eigentlich damit bezwecken wollte – wobei, dass weiß ich sogar. Je mehr ich Menschen verletze, desto mehr ist es ein Hilferuf. Ein „Halt mich fest, auch wenn ich mich wehre und lass mich nicht los, bitte!“. Klingt grenzüberschreitend? Ist es auch.)

Grenzüberschreitungen sind ein Ding, das in einer Beziehung mit mir eben nicht einfach als „ist furchtbar, geht nicht“ abgehakt werden kann. Ähnlich wie es im Kink-Kontext konsensuelle Grenzüberschreitungen gibt oder geben kann, gibt es sie auch in Beziehungen mit mir.
Wenn ich schreibe „Du musst nicht kommen, ich bekomme das alleine hin.“, will ich in den meisten Fällen nichts mehr, als das die andere Person vorbeikommt, mir hilft, mir – für mich – schmerzhafte Aufgaben abnimmt. Wenn ich mich verletzt fühle, will ich die andere Person – nach außen hin – nicht sehen, schreibe verletzende Nachrichten oder schmeiße Geschenke einfach in den Briefkasten, statt sie zu überreichen. Was ich eigentlich möchte, ist Halt und Zuspruch und emotionale Kümmerung. Das ist für Menschen, die mit mir eine Beziehung führen, bestimmt nicht ganz einfach. Und grundsätzlich gilt, dass sich keine Person gezwungen fühlen soll, bei allen Kapriolen meiner Psyche zu springen. Ein gewisser Umgang muss (und kann offenbar) dennoch damit gefunden werden.

Es ist und bleibt ein Kompromiss – irgendwie mit dem umgehen, was ich als Survivor an psychischem Ballast mit mir trage und gleichzeitig keine unlösbaren Forderungen an meine Beziehungen zu stellen. Ich kann meine Handlungen anpassen, aber nicht meine Emotionen und schon gar nicht meine Trigger. Und ich habe keinen Vergleich, wie „normale“ Personen in solchen Momenten fühlen/reagieren würden, ich habe nur meine Sicht. Sie wurde durch viele und lange Therapieeinheiten (ich gehe demnächst in mein dreizehntes Therapiejahr und bin Anfang zwanzig) mit viel Input von „Fachpersonen“ und einem „objektiven Bewertungssystem“ der „normalen“ Sichtweise im Vergleich zu meiner versorgt, aber dennoch ist dieses ganze Konstrukt maximal eine Notlösung. Darüber hinaus habe ist es unglaublich anstrengend, dauerhaft meine Sichtweise darauf prüfen zu müssen, ob ich ein „normales“ passing erreiche oder doch wieder „spoonie“-Gefühle entwickele. Ein bisschen Trotz ist auch dabei – ich möchte mich nicht nur an eine „normale“ Welt anpassen und in ihr „funktionieren“, ich möchte auch ICH sein dürfen. Und mir Raum nehmen. Egal, was abled people davon halten. Sie haben versucht, mich umzubringen und sie haben versucht mich so lange zu biegen, bis ich irgendwie passe. Jetzt wachse ich. Wie ICH will.

Nicht rücksichtslos, nicht empathielos, immer queerfeministisch und intersektional, aber auch nicht so, wie meine Täter_innen es erwarten. Ich bin nicht „normal“ und ich gebe keine Löffel mehr dafür her, dass ihr mich dafür haltet!

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