Essbarer, giftiger Glitzer.
Nicht mitdenken – sagen!

Stell dir mal vor, du hast Geburtstag. Und ein anderer Mensch aus deinem Freundeskreis hat zufälligerweise auch am gleichen Tag Geburtstag. Aber dir wird nicht gratuliert, der anderen Person schon. Jedes Mal. Den ganzen Tag über.
Als du dann deine Freunde darauf ansprichst, kommt als Reaktion: „Aber, du warst doch mitgemeint! Hast du dich etwa nicht mitgedacht gefühlt?“
Fühlt sich nicht gut an? Ach.

Solange wir nicht eindeutig das sagen, was wir meinen, sondern davon ausgehen, dass andere Menschen hellsehen können und wissen, dass sie „mitgemeint“ sind, solange werden wir Menschen verletzen. Das müssen wir nicht einmal wollen. Unsere Intention ist dafür völlig unerheblich, was wir durch unsere Handlungen bei anderen Menschen auslösen.
So funktioniert Kommunikation: Ich kann nur bestimmen, was ich sage, nicht, was bei der anderen Person ankommt. Deshalb sollte ich mir auch überlegen, ob das, was ich sage, auch mit dem übereinstimmt, was ich sagen möchte.
Stattdessen wird auf die Gefühle der anderen Person gehofft, diese wird schon so fühlen, wie ich hoffe, dass sie fühlt.

In jeder anderen Situation wird auf genaue und vor allem ehrliche Kommunikation Wert gelegt, einfach weil Menschen eben nicht hellsehen können. Weil ich nicht wissen kann, ob deine Intention jetzt ist, mich auszuschließen, oder ob du mich „mitgedacht“ hast. Ich weiß nicht, an was du denkst. Ich will es auch gar nicht unbedingt wissen. Ich weiß nur, was du sagst und wenn ich darin keinen Platz habe, dann habe ich – rein faktisch – in deiner Kommunikation keinen Platz.

Ja, es ist anstrengend, sich genau zu überlegen, was jetzt ausgedrückt werden soll. Es verlangt, dass Menschen aus ihren bequemen Schubladen herauskommen und sich Gedanken darüber machen, was sie denn jetzt genau sagen wollen. Wo der kleinste gemeinsame Nenner der Menschen ist, die sie meinen. Aber es eröffnet gleichzeitig auch Möglichkeiten, präziser zu kommunizieren. Weil ab diesem Moment Leute nicht davon ausgehen können, dass die gesamte Leser_innenschaft weiß, was gemeint ist und damit gezwungen sind, sich genauer zu positionieren.

Zu sagen „aber ich habe dich mitgedacht!“ ist ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, Menschen einzuschließen. Gleichzeitig wird diese Unfähigkeit aber auf die betroffene Person projiziert – anstatt die Fakten anzuerkennen, dass die Person hier ausgeschlossen wird, wird auf der emotionalen Ebene argumentiert „fühl dich halt mitgemeint!“.

In Debatten mit Emotionen zu argumentieren ist, egal auf welcher Art und Weise, kritisch. (In Debatten, nicht in persönlichen Beziehungen, da ist das wichtig.) Plötzlich zählen nämlich die Emotionen mehr als tatsächliche Argumente. Das führt dann zu solchen Blüten wie dem allgemeinen „Sicherheitsgefühl“ der Deutschen, das seit Jahren abnimmt – obwohl jede Kriminalstatistik dem gegenläufig ist. Menschen „fühlen sich bedroht“, wenn Geflüchtete nach Deutschland kommen – obwohl dafür kein objektiver Grund zu finden ist. Nazis argumentieren gerne mit diesem diffusen, völkischen Gefühl, welches „die Masse“ oder „das Volk“ haben soll – unbeachtet der tatsächlichen Möglichkeit, ob achtzig Millionen Menschen überhaupt fähig sind, ein gemeinsames Gefühl zu entwickeln.

Emotionen sind nicht belegbar und deshalb als Argument eine starke Waffe – so können sie auch nicht widerlegt werden. Allerdings geht es auch nicht darum, Menschen ihre Gefühle und Erfahrungen abzusprechen – da sind Emotionen ebenso angebracht, wie in persönlichen Auseinandersetzungen.
Es geht darum, dass Menschen Emotionen zugeschrieben werden, die sie haben sollen. Nazis schreiben „dem deutschen Volk“ die Emotion der Angst zu, wenn es um Geflüchtete geht.
Menschen, die ausschließende Sprache benutzen, schreiben den Betroffenen das Gefühl zu, trotzdem „mitgedacht“ zu sein. Die Zuschreibung von Gefühlen kann sowohl im positiven, als auch im negativen Kontext verwendet werden, abhängig davon, was die zuschreibende Person erreichen möchte.
Ausschließende Menschen möchten mit dieser Zuschreibung erreichen, dass ihre eigenen Handlungen in den Hintergrund rücken. Denn schließlich ist jetzt nicht mehr die Handlung das zur Disposition stehende Objekt, sondern die Gefühle der Betroffenen.
Nazis wollen mit diesem „Angstgefühl“, welches sie Menschen zuschreiben, ein Druckmittel erzeugen, gegen das mit rationalen Argumenten nicht vorgegangen werden kann.

Grundsätzlich kann nur eine einzige Person über ihre jeweiligen Gefühle sprechen – und das ist die Person, zu der die Emotionen gehören. Anderen Menschen steht es nicht zu, einer Person Gefühle ab- oder zuzusprechen. Sie können sie weder nachvollziehen, noch widerlegen. Emotionen sind etwas zutiefst subjektives und sollten so auch behandelt werden. Das macht sie nicht weniger real oder valide, aber es nimmt ihnen den absoluten Charakter in einer Argumentation. Zwei Personen können in einer Situation komplett gegensätzliche Emotionen empfinden – das macht ihre jeweiligen Empfindungen aber nicht weniger real. Sie sollten sie nur nicht verwenden, um die andere Person davon zu überzeugen, dass eine der Empfindungen „richtiger“ ist als die andere.
Beide Emotionen sind richtig. Beide sind real und valide. Beide können als Kommunikationsmittel in einer persönlichen Kommuikation verwendet werden, um der anderen Person die eigene Sichtweise zu erklären.
Aber keine ist ein absolutes Argument zur Einschätzung der Situation.

Gerade wenn es um Diskriminierungen geht, wird hier häufig ein subjektiver Charakter angenommen: Personen „fühlen“ sich diskriminiert, Frauen „fühlen“ sich sexistisch beleidigt, trans Menschen „fühlen“ sich nicht mitgedacht, Behinderte „fühlen“ sich ausgeschlossen.
Das nimmt der Diskriminierung den strukturellen Charakter und macht sie zu etwas Individuellem – weil andere Menschen mit den gleichen Voraussetzungen fühlen sich in der gleichen Situation vielleicht anders. Diese werden dann gerne als Beispiel herangezogen, um die Diskriminierung zu entwerten. „Meine Freundin fand den Witz aber lustig!“, „Mein Schwarzer Nachbar findet das N-Wort gar nicht so schlimm!“, usw. Damit steht das Aussage gegen Aussage oder eben Gefühl gegen Gefühl – und die Handlung als solche (sowie die handelnde Person) werden aus der Verantwortung herausgenommen.
Die Betroffenen dürfen sich dann schön über ihre jeweiligen Gefühle streiten, anstatt die konkrete Handlung (und die damit verbundene, strukturelle Diskriminierung) zu kritisieren.

Wenn ich von Menschen ausgeschlossen werde, dann werde ich ausgeschlossen. Ich „fühle“ mich vielleicht auch ausgeschlossen, vielleicht aber auch nicht. Mein Gefühl ist für die gegenwärtige Situation unerheblich, es beeinflusst höchstens meine Gedanken oder mein Verhalten in der Situation.
Die Situation als solche ist erst einmal das, was interpretiert werden kann und soll.
Die Tatsache, dass Menschen ausgeschlossen werden, können auch Personen kritisieren oder unterstützen, welche nicht selbst betroffen sind. Das ist gut, denn so können mehrere verschiedene Blickwinkel auf die gleiche Situation erschaffen werden. Situationen haben den Vorteil, dass Menschen sie vergleichen können und betrachten. Sie können interpretiert werden, darüber kann diskutiert werden, einzelne Szenen können unterstützt werden, andere vielleicht kritisiert, die Handlungen können hinterfragt werden. Das ist möglich, weil Situationen als solche grundsätzlich Fakten darstellen. Intentionen, verschiede Interpratationsmöglichkeiten, Sichtweisen, das kann alles diskutiert werden, aber die eigentliche Situation stellt erst einmal einen Fakt dar.
Mensch 1 hat x getan. Mensch 2 hat y getan. Darüber kann dann gesprochen werden.

Bei meinen Emotionen können Menschen das nicht. Sollen sie auch nicht. Nicht ihr Business.

Menschen sollten für ihre Handlungen Rechenschaft ablegen müssen, nicht für ihre Gefühle oder ihre Intentionen.
Und das zeigt sich auch in der Sprache – wenn ihr Menschen nicht ausschließen wollt, dann tut es nicht, anstatt hinterher von Betroffenen zu erwarten, sich „mitgedacht“ zu fühlen!

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